Das jährliche Treffen der Bezirksämter und Witwen des früheren Apostelbereichs Nürtingen führte in diesem Jahr nach Grafeneck bei Münsingen. Knapp eineinhalb Wochen vor dem Gottesdienst für Entschlafene bot dieser geschichtsträchtige Ort einen besonderen Anlass zum Erinnern und Gedenken. Apostel i. R. Volker Kühnle gab dazu eine kurze Einführung in die Geschichte Grafenecks.
Der auf den ersten Blick ruhig und idyllisch wirkende Ort steht für eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Ab 1928 war Schloss Grafeneck eine Einrichtung der evangelischen Samariterstiftung für Menschen mit Behinderungen. Im Oktober 1939 wurde die Einrichtung von den nationalsozialistischen Behörden beschlagnahmt. Die bisherigen Bewohner mussten den Ort verlassen. Anschließend wurde Grafeneck zum Schauplatz des systematischen Mordes an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen.
Vom 18. Januar bis zum Jahresende 1940 wurden hier im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ insgesamt 10.654 Menschen aus ganz Deutschland ermordet. Die Bezeichnung „Aktion T4“, die erst nach 1945 gebräuchlich wurde, geht auf die Adresse der zentralen Dienststelle zurück, von der aus die nationalsozialistischen Krankenmorde organisiert wurden: Tiergartenstraße 4 in Berlin. Grafeneck war eine der ersten Tötungsanstalten dieses Mordprogramms, das einer menschenverachtenden Ideologie entsprang.
Nach dem Ende des NS-Regimes wurde Grafeneck wieder zu einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. 1990 entstand dort die Gedenkstätte, 2005 kam das Dokumentationszentrum hinzu. Heute erinnern beide daran, was hier geschehen ist, und informieren über die Opfer, die Täter, den Widerstand und den Umgang mit dieser Geschichte nach 1945.
Der Besuch dieses Ortes machte einmal mehr deutlich: Eine menschenwürdige Gesellschaft zeigt sich nicht allein darin, wie sie mit den Starken, Gesunden und Leistungsfähigen umgeht. Sie zeigt sich gerade darin, wie sie Menschen begegnet, die Schutz, Hilfe und besondere Unterstützung benötigen. Erinnerung bedeutet deshalb nicht nur, zurückzuschauen. Sie bedeutet auch, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.
Für besondere Freude sorgte beim anschließenden Zusammensein der überraschende Besuch von Bischof Matthias Grauer. Seine Anwesenheit wurde mit Dankbarkeit aufgenommen und bot Gelegenheit, auch mit ihm gemeinsam noch einmal innezuhalten und Augenblicke des Erinnerns und Gedenkens zu teilen.